Pausenwunsch

Gestern habe ich mit einer Mutter gequatscht. Bevor der erste Aufschrei erfolgt: Sie ist mit ihrer Tochter in vorbildlicher Weise spazieren gegangen. Kind auslüften, raus aus der Wohnung ohne die Kontaktsperre zu brechen. Unterwegs haben sie bei uns geklingelt. Bevor wir öffnen konnten, sind sie zur Gartenpforte zurück gespurtet und haben sie hinter sich geschlossen. Dann standen sie auf dem Gehweg, wir an der Haustür, zwischen uns knappe 3 m Abstand. So haben wir uns dann unterhalten. In einer Tonlage, die eher an Schwerhörige erinnert; 3 m Distanz halt. Normalerweise bin ich kein Fan davon, dass andere meinen privaten Unterhaltungen folgen können. In Corona-Zeiten ist mir das nun fast schon egal. Hauptsache, einmal ein vertrautes Gesicht außerhalb der eigenen Familie sehen. Hauptsache, mal hören, wie es anderen geht. Hauptsache, mal wieder spüren und sehen, dass man sich in diesem ganzen Wahnsinn nicht allein mit seinen Tücken und ständigen Fragezeichen herumquält. Dank Corona bekommt der „Plausch über den Gartenzaun“ da einen ganz neuen Wert.

Besonders ein Satz hat mir dabei einen dicken Seufzer der Zustimmung entlockt: „Ich möchte so gerne wieder ins Büro.“ Mit einem fast verschämten Lächeln schickte sie diesen Satz zu mir hinüber und ganz unüberlegt entfuhr mir „Oh ja, ich auch.“ Wir mussten beide lachen – und wandten uns dann wieder dem Gespräch über unser Leben in Zeiten von Corona zu.

Heute Vormittag musste ich an diesen Satz denken. Als mein Grundschulkind den riesigen Montagsblues auch nicht abschütteln konnte, nachdem es draußen in dem bisschen Schnee herumgetobt war und einen sehr kleinen, aber nicht minder schönen Schneemann gebaut hatte. Als das größere Kind eine Diskussion über „Ich kann das alles alleine entscheiden“ begann, die offenbar dem Zweck diente, den derzeit etwas notwendigeren elterliche Überblick über die schulischen Aufgaben von sich abzuwenden. Als der Frust beider angesichts der neuen Wochenpläne auf mich niederprasselte, weil halt sonst niemand da war. Als auch mit In-den-Arm-nehmen, in Ruhe miteinander sprechen und Ideen für die möglichst entspannte Bearbeitung der Aufgaben keine Entspannung der allgemeinen Anspannung in Sicht kam. Als mir bewusst wurde, dass dieser Vormittag für meine eigene Arbeit wohl eine erneute Abendschicht bedeutete. Als ich seufzend das erstickende Gefühl verspürte, mich in einer Zeitschleife zu befinden, die nicht endet.

Ja, ich wäre jetzt auch gerne im Büro. Und zwar nicht, weil ich meine Kinder nicht über alles liebe. Das steht nicht zur Debatte. Und auch nicht, weil ich glauben würde, dass wir diese herausfordernden Zeiten nicht wuppen würden. Auch nicht, weil ich nicht wüsste, wie gut es uns und mir im Vergleich mit vielen anderen in dieser Situation geht. Und auch nicht, weil ich nicht theoretisch wüsste, wie es praktisch besser gehen könnte.

Ich hätte einfach gerne einmal eine Pause. Von Corona. Von dem, was es mit uns macht. Von den Nachrichten, aber auch von den alltäglichen Herausforderungen, die das alles an mich ganz persönlich stellt. Ich weiß, dass das nicht geht. Ich kenne so viele der Ideen und Vorschläge, die im Internet, in Emails, in Whats App-Nachrichten, im Fernsehen, in Podcasts, in Telefonaten, in Blogs und über viele andere Wege verbreitet werden. Viele finde ich hilfreich und gut, versuche, sie auf die ein oder andere Weise in mein, in unser Leben zu integrieren. Manche finde ich richtig blöd und eher anstrengend. Die ignoriere ich zumeist. Ich gebe mir die aller-, allergrößte Mühe dazu beizutragen, diese Krise im Kleinen und damit letztlich auch irgendwie im Großen gut und sinnhaft zu meistern. Dazu beizutragen, dass wir diese Zeit gemeinsam überstehen.

Und trotzdem, auch, wenn das vielleicht selbstbezogen klingt (und auch ist) – es gibt Momente, da wünsche ich mir eben einfach diese Pause und die Aussicht auf einen ganz normalen Arbeitstag im ganz normalen Büro erscheint da gerade nahezu paradiesisch.

Und anstatt mich jetzt dieses Wunsches zu schämen, stelle ich mir einfach vor, wie es sein wird, irgendwann in der Zukunft, wenn unsere morgendlichen Rituale sich wieder darauf ausrichten, das Haus zu verlassen, zur Arbeit und zur Schule zu fahren. Kollegen, Mitschüler, Freunde, Lehrer zu treffen und unsere beruflichen und schulischen Aufgaben mit anderen Menschen an anderen Orten als zu Hause zu erledigen.

Und wisst ihr was? Diesen Gedanken lasse ich jetzt einfach so stehen, teile ihn mit meinen Lieben und erfreue mich an ihm.

Und gleich danach, da mache ich dann weiter im Corona-Alltagsmodus. Das schaffen wir.

Passt gut auf euch auf, Eure Silke

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