Die Baustelle

Wer meinen Inspirationsblitzlichtern auf Facebook folgt, hat vielleicht gesehen, dass ich dort heute über eine Baustelle geschrieben habe. Hier um die Ecke wurde ein alleinstehendes Einzelwohnhaus abgerissen, um einem Neubau für vier Wohnparteien Platz zu machen.

Den ganzen Dezember über habe ich von meinem Bürofenster aus den Abriss verfolgt. Anfangs ärgerte mich vor allem der tägliche Lärm und das Erzittern der Erde. Beides führte dazu, dass ich immer wieder von meiner eigenen Arbeit abgelenkt wurde und das Gefühl hatte, einen Großteil meiner Energie in meine angestrengte Konzentration stecken zu müssen. Im Laufe der Zeit veränderten sich mein Blick, meine Gedanken. Und irgendwie auch das Gefühl. Ich sah den Bauarbeitern zu, die auch in der Vorweihnachtszeit jeden Morgen in aller Frühe (auch am Samstag) wieder auf der Baustelle standen und schwere, körperliche Arbeit verrichteten. Unermüdlich schleppten sie Bauschutt weg, demontierten Wände und Hausteile, lenkten den Bagger und arbeiteten sich Stück für Stück zu den Grundmauern durch.

Ich sah zu, wie das Haus jeden Tag ein bisschen mehr verschwand und in mir keimte eine Wehmut auf, mit der ich nicht gerechnet hatte. Dieses Haus war noch nicht sehr alt, vielleicht 30,40 Jahre oder so. Ich weiß es nicht. Ich kenne weder seinen Erbauer, noch seine ehemaligen Bewohner. Ich weiß nicht, warum sie sich zum Verkauf entschieden haben und wo sind selbst hingezogen sind. Aber ich sah dieses Haus und musste an all das denken, was es vermutlich erlebt hatte: Freude und Leid, Lust und Liebe, Dramatik und hoffentlich das pure Glück.

Welche Träume und Wünsche bewegten die Menschen, die sich irgendwann dazu entschlossen hatten, den Wahnsinn des Hausbaus zu wagen. Wollten sie ein Heim bauen, das ihrer Familie einen Raum zum Lachen und Weinen, zum Tanzen und Schlafen, zum Träumen und Leben, zum Geborgen-Sein und Aufgehoben-Fühlen bot? Sollte es ein Refugium fürs Alter werden, an dem sie sich sicher und geliebt fühlen konnten oder war es einfach das Ziel, etwas „Bleibendes“ zu hinterlassen? Was immer es gewesen sein mochte – hatten sich ihre Wünsche erfüllt? Hatten sie ihr Haus verlassen mit einem Bündel voller wunderbarer Erinnerungen? Oder sind sie schließlich voller Wehmut und Trauer gegangen, weil das Leben sich ihren Plänen in den Weg gestellt hatte und alles irgendwie ganz anders kam?

Wie heißt es so schön: „Wenn diese Mauern reden könnten…“ Ja, was wäre dann? Würden wir, die wir zuschauen, dann ein bisschen mehr verstehen? Ein bisschen mehr begreifen, dass ein Haus viel mehr ist als ein bloßes Gestell aus Mauerwerk, Lehm und Dachschindeln? Würden wir achtsamer mit ihm umgehen? Vielleicht einmal mehr die Entscheidung fällen, es zu erhalten anstatt es abzureißen?

Vielleicht wären das aus wirtschaftlicher Perspektive nicht die lukrativsten Entscheidungen, aber vielleicht würden sie zu ein bisschen mehr Menschlichkeit, ein bisschen mehr zwischenmenschlichem Respekt, ein bisschen mehr genereller Achtsamkeit führen?

Für einen Hausabriss gibt es in der Regel sicher viele, sehr schlaue und wirtschaftlich überzeugende Gründe. Das ein oder andere Mal lässt sich heutzutage vermutlich auch der klimaschützende und nachhaltige Aspekt in die Argumentationskette einweben; von Wohnraummangel und kinderreichen Familien mal ganz abgesehen.

Und trotzdem regt sich in mir die wilde Frage, was wäre, wenn wir es wagen würden, nicht jede Entscheidung auf einer wirtschaftlich-kalkulierenden Basis zu treffen? Was wäre, wenn jemand den Mut (und das Geld) gehabt hätte, dieses Haus zu renovieren, vielleicht zu sanieren? Wenn keine Investitionsgemeinschaft oder eine Baufirma das Grundstück erworben hätte, sondern ein echter, wirklicher Mensch? Der aus einem Haus voller Erinnerungen ein neues Zuhause voller Möglichkeiten schaffen wollte?

Nennt mich naiv. Vielleicht bin ich das auch. In einer Großstadt, in der Wohnraum eines der knappsten Güter geworden ist und Menschen auf „schick & neu“ stehen, ist es vermutlich wirklich blauäugig, von solchen Ideen zu träumen. Und trotzdem lasse ich mich davon nicht abhalten. Denn wer weiß, vielleicht fängt irgendwo in dieser Stadt irgendjemand doch einmal an, die Geschichte hinter den alten Wänden zu sehen. Und dann, ja dann…. würden diese Mauern anfangen zu erzählen…

Spitzt eure Ohren, vielleicht könnt ihr sie hören!

Lasst es euch gut gehen, Eure Silke

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