Zurück in der Schule

Meine Kinder dürfen wieder in die Schule. Ihre jeweiligen Klassenstufen in Kombination mit der entsprechenden Schulform gehören zu denen, die ab dem 04.Mai wieder mit dem Unterricht beginnen. Die Klasse gehälftelt, in getrennten Klassenzimmern, mit getrennten Pausenbereichen und jeder Menge weiterer Corona-bedingter Regeln, die in ihrer Vielzahl jeden Eindruck eines „back to normal“ deutlich abwehren.

Um es vorweg zu sagen – ich bin Befürworterin einer langsamen Exit-Strategie, wenn auch eine kritische. Wer meine Texte bisher gelesen hat, weiß, dass mir diese Isolation, der Lock-Down in all seinen Formen inzwischen wirklich aufs Gemüt schlägt und auch mein ganz privates Leben deutlich erschwert hat. Doch ich glaube einfach, dass wir es uns selbst und einander nach den vergangenen Wochen einfach schuldig sind, unsere mühsam erkämpften Etappensiege nicht einfach aufs Spiel zu setzen. Und dennoch muss eine Balance gefunden werden, bevor wir noch alle verrückt werden.

Politiker möchte ich gerade nicht sein. Eigentlich ist es egal, was man da sagt – irgendeiner findet es doch Sch… . Aber es müssen eben auch Entscheidungen gefällt werden, sonst verfällt unsere Gesellschaft entweder in Chaos oder in Stagnation. Beides ist weder wünschenswert noch hilfreich.

Aber weg von der Politik und zurück zum Schulstart. Mein Mutterherz ist zugegebenermaßen mehr als gespalten. Einerseits gönne ich meinen Kindern von ganzem Herzen die Rückkehr zu einem Minimum an Normalität: der Kontakt und Austausch mit den anderen Kindern, den Lehrern und Lehrerinnen; eine Form von Unterricht ohne Eltern und digitalem Zubehör; das Aus-dem-Haus-kommen ohne die Eltern im Schlepptau haben zu müssen – alles in einer extrem eingeschränkten Form, aber besser als nichts.

Andererseits mache ich mir jede Menge Gedanken. Regeln über Regeln. Wohin das Auge reicht, gibt es Einschränkungen und Verbote. Die Rückkehr zum bekanntermaßen mehr als veralteten Frontalunterricht wird zur einzigen Lehrnorm. Der Umgang miteinander wird bis auf das letzte Detail geregelt, Körperkontakt komplett untersagt, Pausenspiele vorgegeben, Kontakte gibt es nur mit ausgewählten, zugeteilen Personen, die nicht wechseln sollen. Notwendige Hygienemaßnahmen bestimmen jede Minute des Schulaufenthaltes und wie lange dieser Zustand noch andauern wird, weiß niemand.

Man sagt, Kinder finden sich in der Regel schneller mit Situationen ab als Erwachsene. Nehmen schneller an, was nicht zu ändern ist. Aber was wird das machen mit unseren Kindern? Mit den Grundschülern, die sich in dieser Phase ihrer Kindheit normalerweise nicht mit Abstands- und Hygieneregeln auseinandersetzen müssen und sollen? Die sich während gedankenverlorenem Spiel in der Pause (noch) gern dreckig machen, sich raufen und rangeln, einander Frisuren flechten oder Kopf an Kopf miteinander basteln und malen?  Mit den Pubertieren in ihren unterschiedlichsten Stufen: Die sich von den Eltern , den Erwachsenen abgrenzen müssen, um sich selbst zu entdecken? Die gegen Regeln verstoßen, um zu erkennen, was gut und weniger gut ist? Die mit jedem Tag selbstständiger werden und neben den Wurzeln eben auch die Flügel nutzen müssen? Die zum ersten Mal verliebt sind und sich austesten? Ganz zu schweigen von denen, die im Grunde keine Kinder mehr sind, ihre Abschlüsse machen, Ideen für ihre Zukunft brauchen und aus dem Haus wollen?

Die Evolution zeigt, dass Menschen, insbesondere junge Menschen, sich über kurz oder lang den gegebenen Situationen anpassen, sich arrangieren, vielleicht abfinden. Und vermutlich wird das auch in diesem Fall so sein. Trotzdem habe ich einen Knoten im Bauch, merke, wie es mich anfasst.

Ich habe keine wirkliche Kontrolle über die aktuelle Lage in unserem Land oder gar in der Welt. Kann nur an den Stellen aktiv werden, die sich in meinem Leben und unserem Alltag zeigen. Ich gebe mein Bestes, um meine Kinder auch auf diesem neuen Weg zu begleiten, natürlich. Und trotzdem treibt es mir in unbeobachteten Momenten die Tränen in die Augen – in einer Welt, die kindliche Unbeschwertheit und jugendliche Entwicklungsmöglichkeiten schon vor Corona immer wieder auf unterschiedlichste Weise auf einen schweren Prüfstand gestellt hat, sehe ich heute die Jungen unter uns wieder einmal in der ein oder anderen Form um ihre Zukunft kämpfen. Gerechtfertigt oder nicht – diese neue Corona-Alltag wird etwas mit ihnen machen. Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass wir „Alten“ sie damit nicht alleine lassen werden.

Passt auf Euch auf, Eure Silke

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