Blanke Nerven auf Rädern

Ok, ich gebe es zu: Auch meine Nerven liegen derzeit – zumindest partiell- etwas „ blanker als normal“. Ich entdecke Züge an mir, die vorher so nicht da waren. Oder wenigstens nicht so ausgeprägt. Naja, also nicht ganz so ausgeprägt jedenfalls. 😊

Gestern zum Beispiel: Nach Home Office und Home Schooling war Bewegung angesagt. Aber ganz dringend. Nach dem montäglichen Blues hat der Dienstag sich gnädiger gezeigt und wir haben irgendwie in einem guten Rahmen unsere Aufgaben erfüllt. Allerdings hatte ich mir auch bereits am Montag vorgenommen, dass unser Bewegungs- u/o Sportprogramm in jedem Fall noch verlässlicher kommuniziert und dann auch stattfinden muss. Also gab es bereits zum Frühstück die Information, dass wir am Nachmittag zu einer ausgedehnten Radtour mit Steh-Picknick (da noch kalt) starten werden. In Zeiten von Corona ist die Festlegung eines motivierenden Ziels (Eisdiele, Biergarten, See, Spielplatz, Kletterpark…) ziemlich eingeschränkt, so dass die Aussicht auf Überraschungssnacks dies ersetzen muss. Ich sage euch, nicht ganz einfach… aber zum Glück bewegen sich unsere Kinder sehr gern und der Protest hielt sich komplett in Grenzen.

Also machten wir uns auf den Weg, immer am kleinen Fluss entlang, der uns zu einem Naturschutzgebiet führen sollte. Das Radeln war wunderbar, die Sonne schien und wir kamen gut voran. Anfangs hielt sich die Anzahl der Menschen in Grenzen, je länge wir unterwegs waren, desto mehr wurden es. Die meisten hielten sich offenbar an die Kontaktsperre- Regeln… Familien, Paare, andere mit 2m Abstand zueinander. Aber… dann eben doch nicht alle. Je länger wir unterwegs waren, auf desto mehr Menschen trafen wir auch, die offenbar immer noch nicht wirklich verstanden haben, in welche Gefahr uns dieser Virus bringt und dass es nur klappt, wenn wir ALLE mitmachen und aufeinander achten. Mich hat das aufgeregt. Haltet mich für spießig… aber wie gerne hätte ich besonders den Pubertieren immer wieder zugerufen „Hey, du, dein Checker-sein wird dich nicht vor Corona schützen! Gib deinen Hormonen mal frei, halte dich an die (Abstands-)Regeln und übernimm mal ausnahmsweise für andere Verantwortung.“ Oder ich war versucht, die deutlich älteren Paare zur Seite zu nehmen und ihnen zu erklären, dass wir alle nur auf 2m Abstand kommen und sie damit schützen können, wenn sie – wie alle anderen- auf der rechten Seite des Weges gehen und nicht in der Mitte – Fahrradklingeln oder freundliches „Darf ich einmal an Ihnen vorbei!“ komplett ignorierend. Und ja, auch die frischgebackenen Mütter mit ihren Kinderwagen haben leider keinen Corona-Persil-Schein – und niemand möchte ihnen ihren Stolz auf das Wunder da vor ihnen im Kinderwagen nehmen, wenn man sie bittet, gern ebenfalls auf der rechten Seite des Weges zu gehen, damit man sie mit genügend Raum umrunden kann, ohne in die Hundekacke zu treten.

Ihr könnt es sicher schon hören, die kleine Dampfwolke der Entrüstung. Ich kann euch nicht sagen, warum genau ich so piefig – spießig- vielleicht einfach doof – auf diese Menschen reagiert habe. Vielleicht, weil es mich ärgert, dass es in dieser ganzen Ausnahmesituation immer noch Menschen gibt, die glauben, es würde sie nicht betreffen. Vielleicht, weil sie ganz ungefragt und respektlos andere damit gefährden. Vielleicht, weil ich Angst habe, dass die spürbare Solidarität dieser Tage in den eher alltäglichen Lebensbereichen nicht ankommt oder spürbar nachlässt. Vielleicht, weil einfach auch meine Nerven derzeit täglich ein bisschen dünner und meine Sorgen um liebe Menschen größer werden.

Was auch immer da in mir los ist – es muss immer mal wieder raus. So wie jetzt. Und ihr kriegt das ab. Aber vielleicht zaubert es auch ein leichtes Nicken bei euch hervor. Und wenn nicht, dann vielleicht wenigstens das Gefühl, nicht allein zu sein in diesen wilden Zeiten.

Passt auf euch auf, Eure Silke

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